203.

24/09/2018 – Short Story #1

Aeropuerto de Mallorca, 24. September 2018

 

Eine Kurzgeschichte über den Vollmond und ein Käsebrot.

Geht es nicht im Leben einzig allein darum Erfahrungen zu machen? Geschichten erzählen zu können, um damit uns oder die Menschen um uns zu berühren? Ich finde ja und werde deswegen, ab sofort und mehr denn je, Content hinter meine Bilder der Social Media-Welt packen. Möchte euch Kontext geben und Gedanken herunter schreiben, die sonst so oft in Bilderfluten verloren gehen.
Ich steige aus meinem Mietwagen aus, allein gestresst davon, dass ich weiß, dass gleich bei der Abgabe etwas schiefgehen muss.
Noch während ich meinen Kofferraum, in dem ich gefühlt die letzten vier Tage gelebt habe, ausräume, springt sie auf mich zu. Eine junge Frau, so positiv und reich an Lächeln. Wie kann sie nur, die Garage ist laut, das Quietschen der Reifen unerträglich und die Menschen wohl auch.
Sie nimmt mir den Schlüssel ab, ich sage ihr leicht panisch, dass ich ein paar Kratzer gefunden habe bei der Abholung. „Si, sí!“ Heißt so viel wie, wenn ihr etwas auffällt, erst dann wolle sie darüber sprechen. Sie drückt mir die Schlüssel in die Hand, gute Reise die Kaution wurde soeben überwiesen. Bitte was? Das war es! Ich bin durch, raus. Ich darf nach Hause! Ich liebe dich, sage ich zu ihr bevor ich gen Gate laufe.
Mein Flieger hat Verspätung, mache ich mir doch keine Sorgen, denn Easy Jet, wie der Name und der neue Slogan es schön sagt „Tegelt das schon“. Der Werbespruch überzeugt, ich kaufe mir einen überteuerten Salat und setze mich in einer der letzten Ecken, immer mit der Hoffnung gleich meinen Laptop aufzumachen und meine Abgabe an die Herrschaften zu senden, die schon gespannt auf meine Reportings der letzten Projekte warten.
Nichts da!  Ich sitze in meiner neuen Ecke fühle mich zu müde und esse meinen Salat. Obwohl es natürlich die Käsestulle wäre, die mich endlich glücklich machen würde.
Die Verspätung verlässt langsam den Bereich von ‚Easy‘ und ist schon längst raus auf dem ‚Jet‘.
Nun auch noch das, das Gate wird geändert, sie müssen sich beeilen, sie müssen ans andere Ende des Flughafens. Ich? Ich esse meinen Salat und bin froh, dass das Pärchen neben mir losrennt und endlich aufhört auf meinen Salat zu starren. Er schmeckt nicht, kein Grund zum Neid.
„Flying to Berlin?“, „Si, sí“, antworte ich und ja, ich gehe gleich zum neuen herausragenden Gate. „Stay! I made a mistake! It is this one.“ Damit wollte er mir sagen, du glückliche kleine Zuckermaus, es ist gleich das Gate gegenüber und hier hast du eine Käsestulle. Letzteres war erfunden, sitzen bleiben konnte ich trotzdem.
Als dann endlich alle Passagiere in Busse geladen und Widerwillens ihr Handgepäck abgeben mussten, stehen wir da. Alle samt in drei Bussen für ganze 60 Minuten. Die Klimaanlage leistet ganze Arbeit, der Bus läuft von außen an, weil uns im Inneren schon die Temperatur des Berliner Herbstes kredenzt wird.
Es geht los, wir dürfen in den Flieger. Technische Problem heißt es. Ein Reset war von Nöten. Auch ich habe für meine Verhältnisse wieder eine Glanzleistung abgelegt. Nicht nur, dass ich das „mein Handgepäck ist nun offiziell keines mehr und muss zum bösen Mann“-Etikett heimlich gelöst habe – nein, ich musste schon auf Toilette, als ich voller stolz meinen Salat eingekauft habe. Im Flieger freue ich mich über ein Platz für meinen Koffer. Nur 5 Reihen hinter meinem eigentlichen Sitzplatz. Jackpot!
Weniger amüsant, ich sitze am Fenster, fliege 2,5 Stunden was nach meinen Berechnungen ungefähr 2 bis 3 Toilettengänge macht.
Meine Sitznachbarn, ein altes Ehepaar in weißen Klamotten, möchten nun aber wirklich nicht durchrutschen. Mit einem lauten „NÖ, na und!“ wobei ich nicht ganz verstehe, was das „na und“ zu heißen hat, besiegeln sie meine Frage. Ok, dachte ich mir. Ich habe 2,5Liter dabei auf 2,5h Flugzeit vielleicht schaffe ich es auf 3 bis 4 Toilettengänge.
Sie meckern und jammern los, über all das was es gerade so zu bestaunen gibt in diesem ‚Jet & Easy‘- Flieger. Meine Geduld hält sich in Grenzen, weniger meine Blase.
Ich höre Musik, auch das finden sie nicht gut. So garnicht! Lautes Schnaufen. Die Dame, rechts von mir starrt mich an während sie weiter meckert. Ich ignoriere sie und konzentriere mich ganz auf meine Blase.
‚Can‘t take a joke‘, ‚Is there more‘ und zu guter letzt ‚Nice for what‘ und auch die alte Dame kennt nun das neue Album von Drake. Ja ich habe meine Kopfhörer extra laut gemacht – na und!
Die Anschnallzeichen gehen aus, ich wende meinen Blick von meinem Buch gen alte Herrschaften. Ja genau das, sie schlafen! Mein Gedanken reichen von ich schreie, springe über sie, klopfe beim Vordermann oder fliege einfach los. Nichts davon hilft, ich muss sie wecken.
Ich scheine doch noch ein Mensch zu sein, denn es tut mir leid. Aber es geht nicht anders. Drei Minuten später bin ich frei. Zurück an meinem Platz überdenke ich meine Strategie und werde von nun an nichts mehr trinken.
Im Augenwinkel sehe ich dann die unglaublich aufwendig verpackte Tüte, die die alte Dame ganz genüsslich aus ihrer Tasche holt.  Es scheint der Vollmond zu sein, aber beide ziehen gleichzeitig ein Brot aus ihrer doppelverpackten Tüte. Ein Käsebrot! Beide bestellen eine Cola in der Dose und ich fange an diesen Text zu schreiben. Voller Verzweiflung und das Ende,
eine meiner ersten Kurzgeschichte.
Auf bald,
eure Anni