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05/03/2018: Hund Hund – ein Label, ein Interview

Es gibt Gründe, warum wir in Berlin leben. Es gibt mehr als die bekannten Clichés zu entdecken. Berlin ist eine von den verschiedensten Kulturen geprägte Stadt. Sie birgt nicht  nur unglaublich viel Nährstoffe und Inspiration, sondern auch Mut und Motivation mit mich. Berlin ist eine Stadt, in der man es sich trauen kann für eigene Projekte Risiken einzugehen. So auch die beiden Gründer von Hund Hund. Ein Label was eigene Regeln aufstellt.

Hund Hund wurde am Arabischen Meer in Bombay, Indien geboren. Isabel, Gründerin des Labels, nahm sich nach ihrem Abschluss an der UdK in Berlin die Zeit für eine Reise nach Indien. In einem der Workshops vor Ort lerne sie dabei nicht nur wie Handstickerei für europäische Kunden entworfen und produziert wurden, sondern setze sich einmal mehr mit der Mode und dem Geschäft dahinter auseinander. Rohan, ebenso Gründer von Hund Hund, war verantwortlich für die verschiedene Videoproduktion für Vogue & GQ India. Beide lieben Mode, haben aber aus ersten Hand Konsequenzen der Industrie erfahren dürfen. Von Schäden der Umwelt bis hin zu unfairer Ausbeutung von Arbeitern.
Sie machten es sich zur Aufgabe Transparenz zu schaffen, was die Produktion an sich und deren Kosten angeht. Bei der Herstellung der Kollektion von Hund Hund wird sich so auf Europa konzentriert, um Transportemissionen zu reduzieren und faire Arbeitspraktiken zu gewährleisten. Umweltfreundliche Materialien wie Tencel-Trikot und weitere hochwertige Materialien sind Teil des Hund Hund Produktionszyklus und Konzeptes. Ethisch zu sein ist dabei ein Prozess, vielmehr eine Reise, die die Gründer von Hund Hund gemeinsam mit ihren Kunden anstreben. Mehr davon und den Gedanken der beiden Gründern Isabel und Rohan erfahrt ihr im nachfolgenden Interview. Ein wenig Inspiration in Sachen Outfit gibt es natürlich auch.

Hund Hund – Nur ein Name? Ein Label? 

Für uns gehören Hunde als unsere Freunde selbstverständlich zum Leben dazu und wir sehen unser Label als ein ganzheitliches Konzept, das sich in unseren Alltag einfügt und eben auch alle unsere Begleiter einbezieht. Wir machen Mode für Frauen und Männer und Leder-Accessoires für Hunde, der Name HUND HUND spiegelt diese Herangehensweise wieder.


Eure Geschichte – Eine Vision? 
 

Wir machen minimalistische, tragbare Kleidung, die ein besonderes Gefühl und hohen Tragekomfort auf der Haut bieten. Dabei setzen wir auf eine ganzheitliche und faire Herstellung im Einklang mit Mensch und Umwelt. Wir arbeiten außerdem mit radikale Preistransparenz: Im Onlineshop werden die Kosten für jedes einzelne Kleidungsstück offen gelegt, vom Transport, über das Design, bis hin zu Material und der Fertigung. Unsere Kunden sollen so zu bewussteren Einkäufern werden und genau wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben und was sie erwartet. 


Wer seid ihr eigentlich? Stellt euch doch kurz vor. 

Isabel und ich haben vor neun Jahren ausgerechnet in Bombay während der Mumbai Fashion Week kennengelernt. Vier Jahre später haben wir uns erneut getroffen, als sie nach Bombay zurückkehrte, um an ihrem Studio für Handstickerei zu arbeiten und in Kooperation mit Einheimischen eine Werkstatt zu eröffnen. Isabel hat an der UdK Berlin studiert und arbeitete als Modedesignerin und Produzentin, ich war zu der Zeit Kreativdirektor bei Condé Nast und für Video Content zuständig. An einem Ort wie Indien wird einem bewusst, was Modeproduktion jenseits der Laufstege und auf den Kleiderstangen der Modeketten bedeutet und welchen Schaden Mensch und Umwelt an unserem Konsum nehmen. Mit diesem Bewusstsein war uns klar, dass wir nur ein Modelabel gründen wollten, wenn der Hauptfokus darin läge, Mode besser im Sinne von fairer zu machen.

 
Geschwindigkeit und damit der Druck am laufendem Band Neues zu produzieren, scheint für euch kaum relevant. Eine wundervolle Freiheit, die ihr euch zu nehmen scheint. Woher kommt der Mut? 

Konzeptionell ist es wunderschön, eine neue Kollektion zu designen. Tatsächlich ist dies aber ein Relikt aus alten Zeiten, als Designer zwei Kollektionen pro Jahr auf den Messen verkauften, die mit den Modeschauen verbunden waren. Das ist nicht mehr zeitgemäß, da Kunden heute anders kaufen. Wir betrachten unser ganzes Angebot als eine einzige, sich stetig ergänzende und weiterentwickelnde Kollektion, wir sind immer dabei, neue Modelle und Styles zu designen und zu produzieren. Manche sind die Weiterentwicklungen vorheriger Designs, andere sind neue Sachen, die wir ausprobieren. Es ist herausfordernd, aber auch sehr spannend!


Mode mit Sinn, in einer Geschwindigkeit, die für euch Sinn ergibt. Was sind eure Prinzipien, wenn es darum geht eine Kollektion zu entwerfen? 

Wir sind beide sehr haptische Menschen, wir fangen meistens mit den Stoffen oder Mustern an und arbeiten uns von dort weiter. Isabel ist sehr farb-affin und hat ein Board, an dem sie Farbkombinationen durchspielt und von aktuellen, vergangenen und zukünftigen Kollektionen vergleicht. Wir sind immer auf der Suche nach noch nachhaltigeren Materialien oder Stoffen, die aus den Produktionen von Luxusmarken oder Fabriken übrig sind – um unseren CO2-Aussstoß zu reduzieren und das ökologische Gleichgewicht zu optimieren. Sobald wir den Stoff und die Farben ausgewählt haben, fängt die Kollektion an, sich zu formen, mit einer Menge Arbeit an den Schnitten, Nähen und Fittings durch Isabel.


Zeit für tägliche Inspiration ist ein Gut, das ihr euch nehmt. Was ist dabei am wertvollsten? 
 

Für uns, die wir als Kreative in der Stadt leben, ist es wichtig, dass wir uns jeden Tag Zeit zu nehmen, um den Geist zu beruhigen und gleichzeitig genug Raum zu geben, um die Umgebung, in der wir leben und uns, bewusst wahrzunehmen und uns inspirieren zu lassen. Das kann beim Gang vor die Tür der Schnitt der Hose sein, die ein vorbeilaufender älterer Herr trägt, oder die Außenwandfarbe eines Gebäudes. Wir versuchen uns Raum für Meditation und Yoga zu nehmen, um unseren Kopf frei zu halten, was mich manchmal herausfordert, da ich sehr unflexibel bin.


Sich Zeit zu nehmen, um die Bedürfnisse der Kunden zu erfassen – Wie habt ihr gelernt, dies als essentiellen Teil eurer Arbeit zu begreifen? 

Viele unserer Freunde verkaufen ihre Kleidung in Läden, die dann den Kundenkontakt übernehmen. Da wir aber direkt an unsere Kunden verkaufen, haben wir SEHR viele Diskussionen mit ihnen. Wir wissen wenn ihnen das Material gefällt, aber der Schnitt nicht, wenn das Bein zu lang oder zu kurz ist, oder wie transparent ein Stoff sein darf. Wir designen Kleidung, die sich in den Alltag unserer Kunden fügen soll, daher ist dieses Feedback unglaublich wichtig für uns und es hilft uns, unsere Produkte aus  einer angewandten und weniger künstlerischen Perspektive zu sehen.


Vertrauen und Selbstbewusstsein in eure Arbeit, aber auch euch als Team? 
Erklärt uns euer Geheimnis? 

Bei einem Online Business erfolgt das Feedback erschreckend unmittelbar. Zum Beispiel haben wir unsere neuen Strickpullover am letzten Donnerstag erhalten und Freitag in den Onlineshop gestellt. Innerhalb von 15 Minuten kam der Verkauf in Gang und bereits am Sonntag wussten wir, dass die Strickkollektion ein Erfolg sein würde. Als Paar im Team zu arbeiten erfordert die Sensibiltät zu wissen, wann wir unsere Nähe als Werkzeug nutzen können, um tief in eine Thematik und die Kreation einzusteigen und wann wir einander Platz geben sollten und besser in unterschiedlichen Räumen unseres Studios arbeiten sollten.


Wie befreit ihr euch vom Druck der heutige Konsumgesellschaft? 

Keiner von uns beiden ist ein Hardcore-Shopper, wir kaufen gerne ausgewählte Teile, die wir wirklich mögen und investieren mehr in besondere Essens- und Reiseerfahrungen.


Wie muss eine faire Produktion für euch ablaufen?

An erster Stelle behandelt eine faire Produktion die Arbeiter als Menschen, bietet faire Löhne und Arbeitskonditionen, die Gesundheit und Sicherheit garantieren. Es ist eine traurige Bilanz für die Modeindustrie, dass die Ansprüche so niedrig liegen, aber die traurige Realität ist, dass die meisten Produkte für den Massenmarkt unter so extremen Kostendruck gefertigt werden, dass die Umstände schockierend sind. In Indien ist die Lebenserwartung eines Farmers, der mit nicht-organischer Baumwolle arbeitet, aufgrund der verwendeten giftigen Chemikalien alarmierend niedrig. Wir produzieren aktuell in der EU mit in Europa gesourcten Stoffen in kleinen Fabriken, die ein Lohn- und Sicherheitsniveau garantieren. Wenn wir mit dem Label wachsen, können wir uns auch vorstellen, in Entwicklungsländern zu produzieren, da hier auch Jobs benötigt werden, aber nur dann, wenn wir durch Besuche und Prüfungen sicherstellen können, dass in einem fairen und verantwortungsvollen Rahmen produziert wird.

 

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Hund Hund